Geschichte des Reitverein Freudenau

Das Reiten im Wiener Prater hat eine lange Tradition – nämlich seit dieses Gebiet im Jahre 1560 durch Maximilian II zum Jagdgebiet der Habsburger gemacht wurde. 1766 wurde das Pratergebiet von Josef II für die Öffentlichkeit freigegeben. Zwar blieben im 19. und 20. Jahrhundert nicht mehr alle Bereiche des einstigen herrschaftlichen Bereichs in ihrem ursprünglichen Zustand, aber auch heute kann man noch hoch zu Pferde die wilde und natürliche Aulandschaft erleben.


Gründung Anfang der fünfziger Jahre

Eigentlich war es schon im Jahr 1952 so weit, dass eine Gruppe von anfangs 14 Pferdenarren, sich auf die Suche nach einer passenden Reitumgebung in Wien machte. In Amtsrat Jor fanden die reitbegeisterten Damen und Herren einen Unterstützer, der erst nach vielen Versuchen in Franz Mayer, Landessekretär der ASKÖ-Wien, einen Mäzan fand, der vier Pferde kaufte und dem neu gegründeten Wiener Reitverein zur Verfügung stellte.

Ein Gebäude mit völlig verwahrlosten Stallungen, Gerümpelansammlungen und eine Ansammlung von Baracken sollte das Zuhause des Vereins werden. Mit viel Mühe und einer großen Portion Idealismus wurden Ställe in Ordnung gebracht und aus den verfügbaren Grundstücken, die früher zu den dortigen Gärtnereien gehört hatten, ein brauchbarer Reitplatz geschaffen.

Das erste Auftreten in der Öffentlichkeit war ein großer Erfolg, aber Probleme blieben nicht aus. So kam es im Jänner 1957 zum Bruch zwischen ASKÖ und dem Wiener Reitverein, was zu einem Auszug des Reitvereins führte. Übrig blieben 10 Pferde und eine Gruppe entschlossener Reiter, die einen Neuanfang wagten.

Die Reitanlagen waren in diesen Anfangstagen eher abenteuerlich zu nennen. Allerdings war in der Zwischenzeit eine Reithalle 60 x 20m gebaut worden, es gab verschiedene Reitplätze und einen Longierzirkel. Ja, und dann war da noch ein Platz – hügelig und mit Steinen übersäht, der aufgrund einer spontanen Entscheidung und nach Zusammenarbeit von allen Mitgliedern zu dem uns heute bekannten Rasen-Turnierplatz umgestaltet wurde. Berühmt unter den älteren Mitgliedern ist heute noch das Zitat von MR DI Heinz Müller „Gras wächst überall“. Dieses „Gras“ konnte dank der Rasensamenspende von Franz Nierscher und liebenvollen Pflege rechtzeitg für die Europameisterschaft 1973 gesät werden. Weitere Reitmöglichkeiten standen allen Mitgliedern im Wegenetz des Wiener Praters und in der von Herrn Franz Kapaun bis heute aufopfernd gepflegten Ameiswiese zur Verfügung.

Von Beginn an zeigte man wenig Verständnis für Sonderwünsche und vielleicht entwickelte sich gerade daraus ein besonders Gemeinschaftsgefühl und Vereinsleben. Es wurden Fuchsjagden veranstaltet, Reiterspiele abgehalten, Quadrillen geritten (mit bis zu 40 Pferden gleichzeitig in der Halle!) und man begann an kleineren Reit- und Springturnieren teilzunehmen.

Die Auswahl an Reitställen in Wien zur damaligen Zeit war nicht sehr groß – viele von uns kennen noch das Reitinstitut in der Barmherzigen Gasse (Hauptmann Sekulics), schon lange gibt es den Fliezar in der Rasumofskygasse nicht mehr, ebenso wie auch das vis-a-vis in der Freudenau, die Reitschule Heldenberg, deren Preise alle deutlich über denen des RVF lagen. Heute gibt es von diesen Reitschulen keine mehr.


Erfolge in den ersten 25 Jahren

In den 25 ersten Jahren hatte sich der Reitverein Freudenau aus einer Runde von begeisterten Freizeitreitern zu einem beachtlichen Faktor des österreichischen Reitsports entwickelt. Zu den knapp zwei Dutzend Gründungsmitglieder waren rund 200 weitere teilweise sehr erfolgreiche Vereinskollegen dazugekommen.

Nach dem tragischen Ableben des ersten Obmanns Ing. Hans Amend, der am 1. Mai 1964 bei einem Reitunfall tödlich verunglückte, wurde Regierungsrat Walter Findeis am 10. Juni 1964 zu dessen Nachfolger als Obmann des RVF gewählt. Walter Findeis war bereits Ende 1958 in einen Anfängerkurs des RVF eingetreten. Er übte die Funktion des Obmanns des RVF durch 33 Jahre bis zu seinem Tod am 3. November 1997 mit großer Begeisterung aus.

Unter der Ära von Reg.Rat Walter Findeis gingen einige Größen des österreichischen Reitsports aus dem Reitverein hervor. Dazu zählen wie der Ernst Bachinger, Oberbereiter der spanischen Hofreitschule und Ing. Christian Genewein, der bereits 1957 zu den Mitgliedern zählte, die unter anderem als Wiener Landesmeister in Dressur und Springen reüssierten. Frau Monika Leitenberger errang bei der EM 1971 in St. Gallen die Bronzemedaille für Amazonen im Springreiten. Herr Franz Kapaun wurde auch auf internationaler Basis im Dressurreiten als erfolgreicher „Abkömmling“ des Reitvereins Freudenau bekannt. Franz Gulla wurde Landesmeister im Springreiten, Erika Kienzl Siegerin im österreichischen Dressurderby 1971, Daniela Kienzl wurde - neben zahlreichen anderen Erfolgen - 1992 ASKÖ Bundesmeisterin im Dressurreiten. Weiters zählen dazu Erika Montag, die in allen Diziplinen zuhause war, Ing. Diether Trubrig und KR Heinrich Velicky als Vizelandesmeister im Dressurreiten und viele mehr.

Nicht nur die aktiven Reiterinnen und Reiter trugen zum Erfolg bei. Maßgeblichen Einfluß in der österreichischen Turnierszene hatte der RVF mit Ministerialrat Dipl.-Ing. Heinrich Müller, der die österreichische Turnierordnung verfasste, ein international anerkannter Parcoursbauer wurde (Stadthallenturniere!)und als Chef der heimischen Parcoursbauer auch als Präsident der österreichischen Richterveinigung wirkte. Ähnlich bekannt auf internationalen Turnieren wurde Reg.Rat. Walter Findeis als Richter (Springreiten und Vielseitigkeit). Er war unter anderem Vizepräsident des Wiener Landesfachverbandes, Präsident der Richtervereinigung, Mitglied des Turnierausschusses und Bundesfachwart für Reiten in der ASKÖ. Auch Erwin Staffer, Bankrat Erhard Preimesberger und Frau Lilo Müller sind bekannte Persönlichkeiten als Turnierichter.

In den ersten 25 Jahren hatte der Reitverein Freudenau 43 Turniere, so zum Beispiel auch 1973 die letzte EM der Springreiterinnen, als Alleinveranstalter durchgeführt, war bei weiteren internationalen Ereignissen (zum Beispiel die Springreiter-EM 1977 oder die Dressurreiter-EM 1981) Mitveranstalter und wickelte Staatsmeisterschaften, Casino Grand Prix und anderer große Bewerbe wie das Springderby ab.


Der Reitverein Freudenau unter Obmann Ing. Christian Genewein

Mit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte sich der Reitsport von einem sogenannten „kapitalistischen Elitesport“ zu einem Familiensport für Jung und Alt mit einer großen Verbreitung in allen Bevölkerungsschichten entwickelt. Und nicht zuletzt haben wir es dem dritten Obmann, Herrn Ing. Christian Genewein zu verdanken, dass der RVF ein Zentrum für Reitbegeisterte inmitten des Wiener Praters geblieben ist, der komplett auf der ehrenamtlichen Tätigkeit aller Mitglieder und Funktionäre aufgebaut ist.

Ing. Genewein besuchte 1958 im RVF seinen ersten Reitkurs, damals schon gemeinsam mit Reg.Rat Walter Findeis. Fast gleichzeitig begann er seine reiterliche Karriere. Von „Patience“, der Stute für die ersten Reitstunden, über „Kobold“, dem Vereinspferd für den ersten Springbewerb, führte ihn seine reiterliche Laufbahn zu Erfolgen wie dem 1. Platz bei der L-Dressur in Linz, 3. Platz beim österreichischen Sprung-Derby 1965, 3 x Wiener Landesmeister, sowie 4 x Viezelandesmeister im Springen. Die Teilnahme an Springturnieren u.a. in der Wiener Stadthalle runden seine sportliche Laufbahn als Reiter ab. International bekannte Persönlichkeiten aus dem Reitsport begleiteten seine erfolgreiche Reitkarriere, wie zum Beispiel Oberbereiter der spanischen Hofreitschule Ernst Bachinger, Herbert Frick, Siegfried Kissmann, Thomas Frühmann,und andere mehr.

Kurz nach der Amtsübernahme von Ing. Genewein im Jahr 1998 wurde im Bereich des RVF eine neue 60 x 20 m große Reithalle erbaut (zusätzlich zu der 1958 errichteten). Sie entspricht den Anforderungen für behindertengerechten Zugang (Therapiereiten), bietet extra Seminarräume und Zusehern eine „zugfreie“ Tribüne. Die erklärten Ziele von Ing. Christian Genewein waren die weitere Steigerung der Professionalität des RVF, die Familienfreundlichkeit des Unterrichts, preiswerte Trainingsmöglichkeiten und gute, gepflegte Pferde.

Eine Modernisierung der Vereinsstruktur erfolgte im November des Jahrs 2003. Die Anforderungen an die Geschäftsführung einerseits und die Aktivitäten im Dachverein andererseits, alles auf ehrenamtlicher Basis, legten es Nahe, die Aufgaben von „Präsident“ und „Obmann“ zu trennen. So übernahm Frau Karin Antonin die geschäftsführenden Agenden des RVF (Obfrau), während Ing. Christian Genewein in bewährter Manier die Präsidentschaft weiter führte (als Vertreter des Vereins in den sportlichen Gremien, als Vorstandsmitglied der ASKÖ Wien, als Landesreferent der ASKÖ Wien für Reiten und Fahren sowie als Bundesreferent für Reiten und Fahren).

Zusätzlich zur weiteren, behutsamen Modernisierung der Vereinsstrukturen und Unterrichtsmethoden unterstützte Karin Antonin besonders den Wieder-Einstieg für Reitbegeisterte – zum Beispiel nach einer Babypause - und die sogenannten „älteren“ Anfänger, für die der Reitunterricht ähnlich wie bei den Wieder-Einsteigern anders als bei den „jungen“ Anfängern aufgebaut werden muss. Dabei werden seit damals Methoden wie die Video-Analyse oder auch das „Trockentraining“ eingesetzt und qualifizierter Theorieunterricht zur Praxis zusätzlich angeboten.


Die Gegenwart

Im Dezember 2013 übernahm Kurt Juster das Amt des Vereinsobmannes. Gemeinsam mit einem jungen, hoch motivierten Team wird das Angebot sowohl für Vereinsmitglieder als auch für Interessenten des Reitsports weiter ausgebaut. Ihm folgte 2015 Robert Novak, der den Verein als Obmann mit Unterstützung von Franz Kapaun als technischer Leiter derzeit führt.